Etwas wühlt mich auf. Ich will eigentlich nicht. Ich will nicht darüber schreiben, hab ich es mir doch so fest vorgenommen, nicht darüber zu schreiben. Weil der Schuh drückt. Der Drückt so heftig, dass ich eigentlich denke, da platz ich, und ich will nicht darüber schreiben. Ok ich tue es. Gleichzeitig stand für mich fest, dass ich kein persönliches Bild anhänge, das will ich im Moment nicht. Daher. Nur mein Text zu den Gedanken, die ich für so unausprechlich halte. Kennst du die Liebe für einen Menschen und fühlst du die Inkohärenz, wenn etwas einfach so gar nicht stimmt?
Meine Oma war in einer sehr schönen Senioren-WG. Ich hatte das Zimmer eingerichtet, die Möbel von ihr ausgesucht. Einen Plan gemalt und hin- und her geschoben, wie am besten Bett, Couch, Schrank und Kommode platziert werden. Ich war Angehörigensprecherin. Ich hab mich engagiert, dass es ihr gut geht. Meiner Oma. Es wurde frisch gekocht, liebe Menschen die betreuten waren 24/7 da. Ein regelmäßig dekoriertes Wohnzimmer. Von 2017 bis Mai 2024 ging es gut. Kleiner Schlaganfall. Sie konnte nicht zurück.
Altenheim. Ich sah sie dort sitzen. Zwischen anderen, im Rollstuhl hingeschobenen, schwer dementkranken Menschen. Jeder redete, aber keiner sagte was. Die Geräuschkulisse war unbeschreiblich, vielleicht wie in einer Anstalt für schwer psychisch kranke Menschen, ich weiß es nicht und mein es auch nicht wertend. Die Menschen suchten Resonanz, jeder für sich. Keiner bei klarem Verstand, ja, alle hatten sie den "Verstand verloren". Keine Kapazität um diesen Menschen auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Die Generation, die nach dem Krieg die Suppe auslöffeln durfte, sofern es eine gab. Die Menschen, die es kaum hätte härter treffen können, ohne das sie je darüber reden durften.
Ah, es ergibt Sinn. Deshalb haben sie den Verstand verloren. Vielleicht. Eine These. Meine Oma, ebenso dementkrank, dazwischen, vornüber gebeugt. Viel zu lang, das verursacht Schmerzen. Die Tränen kommen und hören nicht auf. Gnadenlos fließen mir die Tränen zwischen dieser Gnadenlosigkeit. Wie unwürdig das ist. Wie schlecht die Luft, wie erdrückend die Energie, wie in der.... Hölle. Oder einem Vorhof zur Hölle.
Ein Pfleger räumt die Spülmaschine aus. Er kann nichts dafür, ich weiß. Ist er doch genauso Opfer einer Maschinerie, die ich zu gern verstehen würde. Es gibt keine Kapazitäten für eine Person, die den Haushalt macht. Er würde gern, aber ich sehe die Resignation in seiner Haltung, ja, er kann nichts dafür. Doch selbst wenn er sich um die Menschen kümmern möchte, wie soll er sich um ca. 15 dementkranke Menschen auf einem Haufen kümmern? Das Essen. Das ist kein Essen. Unwürdige, verkochte, widerliche Pampe, Brot - welches diesen Namen nicht tragen sollte. Und alle anderen "Lebensmittel" ebenso. Sie isst nichts. Natürlich isst sie nichts, ihr wurde auch kein Essen vorgesetzt! Und das für so viel Geld, dass es trotz guter Rente die Kosten nicht mehr deckt. Systematische Enteignung der Menschen, die das Land wieder aufgebaut haben. Familien, die verkaufen. Um ihre Angehörigen an einen Ort zu bringen, der ihrer nicht würdig ist.
Ich halte es nicht aus. Die Tränen hören nicht auf. Ich fühle mich dehydriert. Meine Mutter steht da. Die Arme baumeln an ihrer Seite runter. Hilflosigkeit. Sie weiß es, aber weiß nicht, was tun.
Es bricht aus mir heraus: ich würde sie am liebsten mitnehmen. Ich würde sie jetzt, jetzt sofort an mein Auto ranrollen und einfach mitnehmen! Das geht nicht, sagt meine Mutter. Die Tränen gleichen einem Fluß, mein t-shirt patschnass.
Sie hat überlegt, sie zu sich nachhause zu holen. Doch was dann? Sie wäre damit alleine, denn außer einem freundlichen Besuch - vielleicht - kann man von anderen Blutsverwandten nicht erhoffen. Hat sie doch den Laden zusammengehalten. Und das ist der Dank... Die Tränen hören immer noch nicht auf. Es platzt aus mir heraus: kommt zu mir! Es fühlt sich utopisch an. Meine Mutter bestätigt das Gefühl.
Drei Monate später. Meine Mutter überlegt immer noch, ob es bei ihr Zuhause funktionieren würde. Und dann sagt sie: Vielleicht ist die Idee doch nicht so schlecht, dass wir zu dir kommen.
Ich setze alle Hebel in Bewegung. Habe das Glück hier in CZ einen Bekannten zu haben, der mir bei allem helfen kann: was muss ich einkaufen? Toilettenstuhl, Badewannenstuhl, ein Krankenbett mieten. Nach und nach erarbeite ich Lösungen, verändere Räumlichkeiten in meinem Haus, ziehe in ein anderes Zimmer um ihr das Zimmer im EG freizumachen. Freundinnen und Freunde packten tatkräftig an.
Meine Mutter kollabierte fast, war es doch so kompliziert, alle Dokumente vorzubereiten, alles zu planen und zu organisieren, ihren eigenen Haushalt zu packen. Ich konnte ihr nicht helfen (ich musste hier alles vorbereiten), viele glänzten mit Abwesenheit.
Natürlich schafften wir es trotzdem, diese utopische Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Wir taten es - trotzdem. Und ich organisierte eine sichere Überfahrt mit zwei Helfern. 700 km. Gen Ost. Oma würde bei mir wohnen - und bei mir sterben. Wer hätte das gedacht. Der Gedanke ist unglaublich, weil ich nie gedacht hätte, dass sie überhaupt mal hier sein würde!
Das ich ihr das ermöglichen durfte! Ein sicheres Zuhause, Liebe, Zuspruch, Aufmerksamkeit, gutes Essen, jeden Tag! Bis sie entscheiden würde, zu gehen. Und ich wusste in dem Moment, es wird okay sein. Hauptsache, sie ist bei uns und hat ihre Frieden.
Kein Drama oder Gepiepe, kein Krankenhaus mit rennendem Personal, weil sie unterbesetzt sind.
Sicherheit, Ruhe, Würde. Ich durfte meiner Oma die Würde zurückgeben. Was für ein Geschenk.
Und nein, es war kein Zuckerschlecken. Es war hart, emotional eine schwere Last. Von Menschen, die sich keine Mühe machten, der Realität ins Auge zu sehen, gern romantisiert.
Fühlt sich besser an zu sagen, es ist ja alles ok, anstatt zu fragen: kann ich euch mal was helfen, was abnehmen?
Alles gut. Wir taten es ja - sowieso. Steckten viel zurück, waren da. Und es war gut so.
Ich hatte das Gefühl, ich sollte bleiben. Anfang Januar hatte ich eine Reise geplant. Ich blieb. Ab Weihnachten ging es abwärts, spürbar. Ich war innerlich vorbereitet. Sie fing an, nur noch im Bett zu liegen. Sie konnte nicht mehr ins Wohnzimmer kommen. Es war klar, bald ist es soweit.
Sie schlief viel - und trank und aß immer weniger.
Ich wusste, wenn sie das tat, war sie bereit, zu gehen. Denn als sie ankam, futterte sie wie ein Scheunendrescher. Wir freuten uns. Iss, iss liebe Oma. Solange du willst. Wenn du es nicht mehr tust, weiß ich, was du vor hast. Und dann kann ich dich auch gehen lassen. Es war eine Gewissheit, die gut tat. Und half, den Weg zu gehen.
Abschlussworte: Anfang Januar verstarb meine Oma. Wie im Beitrag hervorkommt, bin ich demütig und dankbar und gleichzeitig nun erleichtert, dass das Leben einen anderen Fokus bekommen darf, den ich nun auch dringend brauche. Den es war sehr, sehr anstrengend. Diese Ehrlichkeit erlaube ich mir.
